Da kommt was in Bewegung! - Mobiles Familienzentrum auf drei Rädern
Hundertfüßer-Projekt der Seelsorgeeinheit Waldbronn-Karlsbad
Nicht immer muss es ein Auto sein. Mit dem Lastenrad, und natürlich dem passenden Gepäck, ist die Arbeit des Kinder- und Familienzentrum zum Hingucker geworden.
„Die ersten paar Meter sind gemein“, resümiert Hausmeister Mario Geretsegger nach seiner ersten Proberunde durch den Übungsparcours, aber sofort macht eine seiner Mitstreiterinnen ihm Mut, weiter in die Pedale zu treten. „Die Konzentration muss auf den Lenker, dann geht es besser!“. Knapp zehn Haupt- und Ehrenamtliche sind an diesem Samstag zum Trainingstag auf dem Gelände in Karlsbad-Spielberg gekommen, um das Schwerlastdreirad Probe zu fahren, das seit einigen Monaten DIE Attraktion in der Katholischen Kirchengemeinde Waldbronn-Karlsbad ist. Es gehört zum Kinder- und Familienzentrum (KiFaz) der Gemeinde, soll aber überall da genutzt werden, wo Menschen sind und wo Kirche etwas beitragen kann.
„Im Sommer sind wir als ‚Eismobil‘ zu den Kindergärten gefahren“, berichtet Ex-KiFaz-Koordinatorin Stefanie Weber. Dabei war für die Kinder offenbar nicht nur das Eis ein Highlight. „Ist das dein Fahrrad? Hast du das selbst gebaut? Kann ich da mal mitfahren?“. An diese Fragen erinnert sich Pastoralreferentin Ruth Fehling. Das Gefährt ist aber auch ein echter Hingucker und bisher vor allem das einzige Lastenfahrrad in Waldbronn. „Ein Auto kam nie in Frage und unser Arbeitskreis Nachhaltigkeit wollte mit dem Fahrrad auch eine ‚Duftmarke‘ setzen“, erinnert sich Fehling an die Entscheidung für die Anschaffung zurück. Das ausgewählte Modell mit der großflächigen Planenverkleidung über der Ladefläche bietet wie ein Mini-Lkw eine attraktive Werbefläche für das Kinder- und Familienzentrum der Kirchengemeinde.
Und der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht: Zur Grundausstattung des Fahrzeugs gehören eine große Box mit 12 kg Duplosteinen sowie ein Outdoorteppich, so dass nahezu überall an Ort und Stelle gespielt werden kann. „Bei ‚Familienzentrum‘ denkt man vielleicht an ein Gebäude“, so Nicole Siegwart, die seit Oktober 2022 die Nachfolge von Stefanie Weber als Koordinatorin angetreten hat, „aber wir sind hier im ländlichen Raum, da sind die Strukturen eher dezentral und man muss mobil sein, um die Leute zu erreichen.“
Je nach Bedarf kann das Lastendreirad auch zum mobilen Cateringservice werden. Margrit Kuderer, deren Enkelin den katholischen Kindergarten St. Elisabeth besucht, hat dazu schon ganz konkrete Ideen: „Wenn die KiTas mal einen Ausflug machen und Verpflegung brauchen, dann werde ich mit dem Rad zur Stelle sein.“ Hausmeister Mario Geretsegger möchte ganz praktisch Gerätschaften wie seinen Rasenmäher oder auch Grünschnitt auf der Ladefläche transportieren. Damit es keine Doppelbelegungen gibt, soll das Fahrzeug zeitnah ins Buchungssystem der Kirchengemeinde eingepflegt werden, über das auch Räume und Technik wie Beamer reserviert werden können. Vielleicht ist das bis Januar umgesetzt, wenn eine andere Teilnehmerin, Uschi Kussmann, die Sternsingeraktion begleitet und den Jugendlichen aus dem Lastenfahrrad warme Getränke und das Mittagessen reichen möchte. Aber auch bei außerkirchlichen Veranstaltungen soll das KiFaz-Mobil anrollen, um die kirchengemeindliche Arbeit ins Blickfeld zu rücken.
An Ideen für zukünftige Einsatzmöglichkeiten und Motivation mangelt es also nicht, und das trotz ungemütlichen Nieselwetters am Trainingstag. Ebenso wenig lassen sich die Teilnehmenden von den Herausforderungen beim Fahren entmutigen, die sich am heutigen Tag durchaus zeigen. „Was ist denn, wenn ich abbiegen möchte? Sieht man von hinten überhaupt meine Handzeichen?“, will KiFaz Koordinatorin Nicole Siegwart wissen. Denn einen Blinker hat das Schwergewicht auf drei Rädern nicht. Die anderen schauen sich das gleich mal genauer an und: ja, man kann die Handzeichen der Fahrerin auch von hinten erkennen. Vielleicht wäre aber die Anschaffung von farblich auffälligen Handschuhen noch eine sinnvolle Investition, berät man. Pastoralreferentin Ruth Fehling hat allerdings bei ihren bisherigen Touren die Erfahrung gemacht: „Autos haben großen Respekt, die überholen dich mit riesigem Abstand.“
Gegenseitige Ermutigung und Aufbruchstimmung trotz der grauen und nieseligen Großwetterlage – fast wie eine metaphorische Situationsbeschreibung der kirchengemeindlichen Arbeit wirkt das Fahrtraining in Spielberg. Nach knapp zwei Stunden ist die Stimmung ungebrochen heiter und auch diejenigen, die anfangs zögerlich mit dem Lastenrad unterwegs waren, fahren inzwischen ein ziemlich flottes Tempo durch immer engere Kurven. „Wenn man erstmal gemerkt hat, dass das Teil nicht umfallen kann, wird man mutiger“, berichtet Ruth Fehling aus eigener Erfahrung.
In einem Monat hat das Kirchenmobil seinen nächsten Einsatz, beim Familiennachmittag der Familienkirche Kunterbunt in Reichenbach. Und jede Aktion mit dem Lastenrad, darin sind sich am heutigen Trainingstag in Spielberg alle einig, wird ganz sicher weitere ins Rollen bringen.
von Juliane Langer


